Diktagrafische Mitteilung des Referates 2.2 Werkstoff- und Werkzeugkunde der Abteilung II für Praktische Diktagrafie in der Hauptstelle für Diktagrafische Angelegenheiten
Nach der in weiten Teilen der Diktagrafischen Öffentlichkeit wohlwollend, in Einzelfällen jedoch auch mit Rückfragen aufgenommenen Mitteilung zum Fallminenstift sieht sich das Referat 2.2 veranlasst, die begonnene Reihe unverzüglich fortzusetzen. Gegenstand der vorliegenden zweiten Mitteilung ist ein Werkzeug, dessen Bedeutung für das Diktagrafische Schaffen von keiner Seite ernsthaft bestritten wird, dessen genauere Beschaffenheit und Klassifikation jedoch bislang keiner erschöpfenden Behandlung unterzogen wurde:
Das Lineal.
Es ist eine schlichte Feststellung, gegen die kein vernünftiger Einwand zu erheben ist: Die Diktagrafie kennt die freie Linie nicht als bevorzugtes Mittel. Wo eine Linie gesetzt wird, soll sie dort verlaufen, wo sie zu verlaufen hat – nicht dort, wohin die Hand sie aus Unachtsamkeit, Müdigkeit oder mangelnder Übung führt. Das Lineal ist das Werkzeug, welches diesem Anspruch Genüge tut.
Begriffsklärung und Klassifikation
Zur Vermeidung begrifflicher Unschärfen, die – wie im Falle des Fallminenstiftes bereits dokumentiert – erfahrungsgemäß rasch zu Rückfragen führen, sei vorab eine Klassifikation vorgenommen.
Unter dem Begriff „Lineal“ wird im Diktagrafischen Sprachgebrauch ein Werkzeug verstanden, welches der Führung des Schreibgerätes entlang einer vorbestimmten Linie sowie der Messung von Streckenlängen dient. Innerhalb dieser Gattung sind, nach eingehender Prüfung durch das Referat 2.2, folgende Unterarten zu unterscheiden:
– das Stahllineal, nachfolgend behandelt unter Abschnitt I,
– das Kunststofflineal, nachfolgend behandelt unter Abschnitt II und mit erheblichen Vorbehalten versehen,
– das Geodreieck, welches als Sonderform mit erweiterter Funktion gesondert unter Abschnitt III gewürdigt wird,
– sowie der Maßstab im engeren Sinne, dessen Behandlung einer eigenen, gegebenenfalls nachfolgenden Mitteilung vorbehalten bleibt.
Die Relevanz des Lineals im Einzelnen
I. Rechtwinkligkeit und Exaktheit als Grundbedingung diktagrafischer Ordnung
Die freihändig gezogene Linie – dies ist dem Referat 2.2 aus zahlreichen, zum Teil aktenkundig gewordenen Fällen bekannt – weicht selbst bei geübter Hand um ein Maß von der beabsichtigten Gerade ab, welches dem ungeschulten Auge zunächst entgeht, welches jedoch bei genauerer, Diktagrafisch geschulter Betrachtung unweigerlich hervortritt. Diese Abweichung mag im Einzelfall geringfügig erscheinen. In der Summe jedoch, über eine Vielzahl von Linien und Operationen hinweg, summiert sie sich zu einem Zustand, den das Referat nicht anders als Unordnung bezeichnen kann.
Das Lineal begegnet diesem Zustand durch eine denkbar einfache, aber wirksame Maßnahme: Es stellt eine Kante zur Verfügung, von deren Geradheit auszugehen ist, sofern das Lineal selbst nicht beschädigt, verzogen oder – wie in einem dokumentierten Fall – unter Hitzeeinwirkung gelagert wurde. Die Mine folgt der Kante. Die Linie folgt der Mine. Auf diese Weise wird eine Kette der Verlässlichkeit hergestellt, an deren Anfang das Lineal steht.
II. Zur Frage der Materialwahl: Stahl versus Kunststoff
Es ist dem Referat 2.2 ein Anliegen, an dieser Stelle mit aller gebotenen Deutlichkeit auf einen Umstand hinzuweisen, der in der Diktagrafischen Praxis wiederholt zu vermeidbaren Fehlern geführt hat: die Wahl des Materials.
Das Kunststofflineal, in weiten Teilen der interessierten Öffentlichkeit aufgrund seines geringen Anschaffungspreises und seiner vermeintlichen Alltagstauglichkeit geschätzt, weist eine Reihe struktureller Schwächen auf, die seine Diktagrafische Verwendung nur mit erheblichen Einschränkungen zulassen. Es neigt zum Verziehen unter Temperatureinfluss. Es ist der Beschädigung durch das Skalpell – dessen Verortung im Diktagrafischen Werkzeugbestand einer eigenen, künftigen Mitteilung vorbehalten bleibt – in besonderer Weise ausgesetzt, sofern die Klinge versehentlich entlang der Führungskante geführt wird. Und es weist, insbesondere bei längerem Gebrauch, eine gewisse Neigung zur elektrostatischen Aufladung auf, welche zur Anhaftung von Radiergummiresten und in der Folge zu Ungenauigkeiten der Führung führen kann.
Das Stahllineal hingegen – schwerer in der Hand, kälter im Griff, jedoch von einer Verlässlichkeit, die das Referat 2.2 nicht anders als vorbildlich bezeichnen kann – widersteht diesen Einflüssen weitestgehend. Es wird daher, nach eingehender Beratung, für den ernsthaften Diktagrafischen Gebrauch ausdrücklich empfohlen. Das Kunststofflineal verbleibt zulässig für vorbereitende Skizzen sowie für den Feldeinsatz, sofern kein Stahllineal verfügbar ist.
III. Das Geodreieck als Sonderfall: Winkel als Diktagrafische Kategorie
Über die reine Linienführung hinaus stellt sich der Diktagrafischen Praxis regelmäßig die Frage nach dem Winkel. Wo zwei Linien aufeinandertreffen, treffen sie in einem bestimmten Verhältnis aufeinander, und dieses Verhältnis ist – dies sei ausdrücklich betont – nicht dem Zufall zu überlassen.
Das Geodreieck, als Sonderform des Lineals mit integrierter Winkelfunktion, versetzt die Diktagrafierende in die Lage, Rechtwinkligkeit, Halbierung und definierte Schrägen ohne Rückgriff auf weitere Instrumente herzustellen. Das Referat 2.2 weist jedoch darauf hin, dass die am Geodreieck angebrachte Skala zur Winkelmessung für Diktagrafische Zwecke von nachrangiger Bedeutung ist und lediglich der Kontrolle dient. Maßgeblich bleibt stets die Kante.
IV. Das Lineal in seinem Verhältnis zum Fallminenstift
Es ist dem Referat 2.2 ein besonderes Anliegen, an dieser Stelle auf den Umstand hinzuweisen, dass das Lineal in seiner Diktagrafischen Bedeutung nicht isoliert zu betrachten ist, sondern in einem funktionalen Verhältnis zu dem in der ersten Mitteilung dieser Reihe behandelten Fallminenstift steht. Die konstante Strichstärke des Fallminenstiftes, welche in jener Mitteilung ausführlich gewürdigt wurde, entfaltet ihre volle Diktagrafische Wirkung erst in Verbindung mit einer ebenso konstanten Linienführung. Der eine Faktor ohne den anderen bleibt Stückwerk.
Es sei an dieser Stelle ferner darauf hingewiesen, dass beim Führen des Stiftes entlang der Lineal-Kante ein Neigungswinkel des Stiftes gegenüber der Kante von Null bis maximal fünf Grad einzuhalten ist. Ein größerer Winkel führt zu einer sogenannten Unterschneidung, bei welcher die Linie nicht dort verläuft, wo sie der Kante nach zu verlaufen hätte, sondern geringfügig davon abweicht. Dieser Umstand ist vielen Diktagrafierenden nicht bewusst und wird hiermit zur allgemeinen Kenntnisnahme gebracht.
Diktagrafische Klausel
Die vorliegende Mitteilung wurde im Auftrag der Hauptstelle für Diktagrafische Angelegenheiten nach eingehender Prüfung durch das Referat 2.2 für Werkstoff- und Werkzeugkunde sowie nach Anhörung des Referates 2.1 Diktagrafische Werkstatt erstellt. Eine Änderung der darin enthaltenen Empfehlungen ist nicht ausgeschlossen, bedarf jedoch eines förmlichen Antrages beim Referat 3.4 Diktagrafischer Kodex und Schreibbüro und der Vorlage hinreichender Gründe.
Einige Anmerkungen
Abschließend zu diesen Ausführungen wird nachdrücklich allen erfahrenen sowie allen angehenden Diktagrafierenden dringend empfohlen, sich über das Angebot an Stahllinealen unterschiedlicher Länge kundig zu halten und wenigstens ein solches zu beschaffen. Von der ausschließlichen Verwendung des Kunststofflineals wird, außer in den unter Abschnitt II genannten Ausnahmefällen, ausdrücklich abgeraten.
Es wird davon ausgegangen, dass erfahrene Diktagrafierende über dieses Wissen zum Lineal, das entsprechende Material sowie praktisches Können bereits umfangreich verfügen und dieses erfolgreich anwenden. Sollte dies nicht der Fall sein, so sind sie dazu angehalten, stillschweigend umgehend nachzuarbeiten.
In freier Ordnung und mit rechtschaffenen Grüßen
Die Generalsekretärin S. Gavars im Auftrag des Diktagrafen