Werkzeuge der Diktagrafie #3: Das Klebeband

Diktagrafische Mitteilung des Referates 2.2 Werkstoff- und Werkzeugkunde der Abteilung II für Praktische Diktagrafie in der Hauptstelle für Diktagrafische Angelegenheiten


Nach den beiden vorangegangenen Mitteilungen dieser Reihe, welche dem Fallminenstift sowie dem Lineal gewidmet waren, sieht sich das Referat 2.2 nunmehr veranlasst, ein Werkzeug sowie Arbeitsmittel zu würdigen, dessen Bedeutung für den Diktagrafischen Arbeitsablauf zwar außer Frage steht, dessen Vielzahl an Einsatzbereichen jedoch bislang keiner geordneten Darstellung unterzogen wurde. Es handelt sich um ein Werkzeug, welches selbst keine Linie zieht, keine Fläche füllt und keinen Winkel bestimmt – und welches dennoch, ohne seine stille und tragende Mitwirkung, einen erheblichen Teil der Diktagrafischen Praxis unmöglich machen würde:

Das Klebeband.

Es ist dem Referat 2.2 bewusst, dass dem Klebeband in der öffentlichen Wahrnehmung ein gewisser Mangel an Würde anhaftet. Es gilt gemeinhin als Hilfsmittel, nicht als eigenständiges Instrument. Diese Einschätzung ist, wie im Folgenden darzulegen sein wird, unzutreffend und wird hiermit korrigiert.

Begriffsklärung und Klassifikation

Auch hier gilt es, vor der eigentlichen Würdigung eine Klassifikation vorzunehmen, um der in dieser Reihe wiederholt festgestellten begrifflichen Unschärfe vorzubeugen. Unter dem Begriff „Klebeband“ wird im Diktagrafischen Sprachgebrauch ein bahnenförmiges, einseitig oder beidseitig mit Klebemasse versehenes Material verstanden, dessen Funktion in der vorübergehenden oder dauerhaften Fixierung zweier oder mehrerer Materialschichten zueinander besteht oder Teile einer Materialschicht temporär abgedeckt werde sollen. Innerhalb dieser Gattung unterscheidet das Referat 2.2 folgende Unterarten:

– das Krepp- respektive Malerband, auch: Washi-Tape, von geringer Klebkraft und rückstandsfreier Ablösbarkeit, nachfolgend behandelt unter den Abschnitten I und II,
– das Fixier- beziehungsweise Filmoklebeband, wie es in der Restaurierungs- und Montagepraxis Verwendung findet, von mittlerer Klebkraft und besonderer Alterungsbeständigkeit, nachfolgend behandelt unter den Abschnitten III und V,
– das doppelseitige Klebeband, welches keine sichtbare Bahn, sondern lediglich eine verdeckte Verbindungsebene herstellt, nachfolgend behandelt unter Abschnitt IV,
– sowie das gewöhnliche Klarsichtklebeband, dessen Verwendung im Diktagrafischen Kontext das Referat 2.2 ausdrücklich nicht empfiehlt, da es zur Vergilbung neigt und beim Ablösen Substrat und Klebemasse gleichermaßen beschädigt.

Die Relevanz des Klebebandes im Einzelnen

I. Die Fixierung der Vorlage
Jede Diktagrafische Operation beginnt mit einer Vorlage, welche während der gesamten Dauer der Bearbeitung ihre Lage nicht verändern darf. Eine Vorlage, die unter der Hand oder unter dem Lineal verrutscht, macht jede zuvor getroffene Maßnahme zur Genauigkeit – und das Referat 2.2 verweist an dieser Stelle ausdrücklich auf die beiden vorangegangenen Mitteilungen dieser Reihe – zunichte.
Das Krepp- oder Malerband, an den vier Ecken oder, bei größerem Format, entlang der gesamten Kante angebracht, verhindert dieses Verrutschen zuverlässig, ohne dabei die Vorlage selbst zu beschädigen oder Rückstände auf ihr oder dem Bildträger zu hinterlassen. Es ist aus diesem Grund gegenüber anderen Klebebandarten für diesen Zweck vorzugswürdig und wird für die Vorlagenfixierung ausdrücklich vorgeschrieben.
II. Die Abdeckung bei besonderen Operationen
Es gibt Diktagrafische Operationen – hierzu zählen insbesondere solche, die den Auftrag von Tusche, Farbe oder anderer flüssiger beziehungsweise pastoser Substanz betreffen –, bei denen bestimmte Bereiche der Arbeitsfläche von der Operation ausdrücklich auszunehmen sind. Es ist eine Frage der Disziplin, ob diese Ausnahme durch bloße Vorsicht der Hand oder durch ein hierfür bestimmtes Werkzeug sichergestellt wird. Das Referat 2.2 vertritt hierzu eine eindeutige Position: Vorsicht allein genügt nicht.
Das Krepp- oder Malerband, entlang der zu schützenden Grenze aufgebracht und mit dem Fingernagel oder einem geeigneten Falzbein angedrückt, stellt eine Trennlinie her, welche von der jeweiligen Substanz nicht unterlaufen wird, sofern das Band sorgfältig und ohne Lufteinschluss angebracht wurde. Nach Abschluss der Operation und vor vollständiger Trocknung der aufgetragenen Substanz ist das Band in einem Zug und in flachem Winkel abzuziehen, da es andernfalls zu einem als „Ausfransen der Kante“ bekannten und unerwünschten Ergebnis kommt.
III. Die Fixierung des Kopierpapiers
Bei der Übertragung Diktagrafischer Formen mittels Kopierpapier – einem Vorgang, dessen nähere Behandlung einer eigenen, künftigen Mitteilung vorbehalten bleibt – ist die exakte und über den gesamten Vorgang unveränderte Lage sämtlicher beteiligter Schichten von grundlegender Bedeutung. Verschiebt sich das Kopierpapier auch nur geringfügig während der Übertragung, so setzt sich diese Ungenauigkeit unweigerlich in der Zielfläche fort, was unbedingt zu vermeiden ist.
Das Fixier- beziehungsweise Filmoklebeband hat sich für diesen Zweck als besonders geeignet erwiesen, da es einerseits eine hinreichende Klebkraft aufweist, um ein Verrutschen unter dem Druck des Übertragungsstiftes zuverlässig auszuschließen, andererseits jedoch ein rückstandsarmes Ablösen ermöglicht, welches das Kopierpapier für eine wiederholte Verwendung nicht ungeeignet macht.
IV. Ungeahnte Potentiale
Die Möglichkeiten, doppelseitiges Klebeband zu verwenden, sind in der Diktagrafischen Tradition bisher nicht verankert und somit noch nicht erschöpfend erprobt. Vom Referat 2.3 für Experimentelle Diktagrafie wird hier jedoch kurz anmerkend eingeworfen, dass die Erforschung der Potentiale dieses Arbeitsmittels bereits fest in den aktuellen Arbeitsplan aufgenommen ist. Nur soviel vorweg: es sind Anwendungen für den Bau besonderer Diktagrafischer Werkzeuge, die Herstellung besonders fester und unsichtbarer Papierverbindungen und ganz außergewöhnliche Verwendungen für Diktagrafische Operationen in einem ersten Überblick festgehalten worden.
V. Die Montage des Bildträgers
Der Bildträger – jene Fläche, auf welcher die Diktagrafische Form ihre endgültige, der Betrachtung zugängliche Gestalt erhält – bedarf, sofern er nicht selbsttragend ist, einer Fixierung auf einem Untergrund, welcher ihm die erforderliche Stabilität verleiht. Auch hier hat sich das Fixier- beziehungsweise Filmoklebeband bewährt, dessen Alterungsbeständigkeit gewährleistet, dass die hergestellte Verbindung über die gesamte vorgesehene Aufbewahrungsdauer der fertiggestellten Arbeit hinweg Bestand hat, ohne sich zu verfärben oder ihre Klebkraft vorzeitig zu verlieren.
Das Referat 2.2 weist ausdrücklich darauf hin, dass für diesen letzten und in gewisser Weise endgültigen Arbeitsschritt keinesfalls auf das unter Begriffsklärung genannte Klarsichtklebeband zurückzugreifen ist.

Diktagrafische Klausel

Die vorliegende Mitteilung wurde im Auftrag der Hauptstelle für Diktagrafische Angelegenheiten nach eingehender Prüfung durch das Referat 2.2 für Werkstoff- und Werkzeugkunde sowie nach Anhörung des Referates 2.1 Diktagrafische Werkstatt erstellt. Eine Änderung der darin enthaltenen Empfehlungen ist nicht ausgeschlossen, bedarf jedoch eines förmlichen Antrages beim Referat 3.4 Diktagrafischer Kodex und Schreibbüro und der Vorlage hinreichender Gründe.

Einige Anmerkungen

Abschließend zu diesen Ausführungen sei allen Diktagrafierenden nachdrücklich empfohlen, sich nicht mit einer einzigen Klebebandart zu begnügen, sondern die unter Begriffsklärung genannten Unterarten in angemessener Menge vorrätig zu halten, da eine Substitution zwischen ihnen, wie unter den vorstehenden Abschnitten dargelegt, in der Regel nicht ohne Qualitätseinbußen möglich ist.
Es wird davon ausgegangen, dass erfahrene Diktagrafierende über dieses Wissen zum Klebeband, das entsprechende Material sowie praktisches Können bereits umfangreich verfügen und dieses erfolgreich anwenden. Sollte dies nicht der Fall sein, so sind sie dazu angehalten, stillschweigend umgehend nachzuarbeiten.


In freier Ordnung und mit rechtschaffenen Grüßen
Die Generalsekretärin Sabrina Gavars im Auftrag des Diktagrafen